Eine Initiative des
Förderkreis Alte Kirchen
Berlin-Brandenburg

 

Ohne Turm? - Nein Danke !


Förderverein Kirche Groß Lüben e.V.

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Zur Geschichte der Kirche

von Bernhard Behrens und Renate Seeber

Groß Lüben wurde wohl, wie meisten Dörfer der Region, um 1200 als germanische Siedlung gegründet und hat schon frühzeitig eine eigene Kirche gehabt. Bei der ersturkundlichen Erwähnung des Ortes im Jahre 1339 handelt es sich nämlich um eine Altarstiftung für die damalige Dorfkirche. Mit den Kerzenwundern in der Groß Lübener Kirche im Jahr 1383 nahm die Wunderblutlegende von Wilsnack seinen Anfang.

Wer heute in das Westprignitzer Dorf Groß Lüben kommt, dem fällt der unverhältnismäßig große backsteinerne Kirchenbau auf, dessen wuchtigem Turmsockel heute die Bekrönung fehlt. Anfang des 20.Jahrhunderts musste die in der Vergangenheit mehrfach umgebaute alte Dorfkirche einem Neubau weichen, der mehr Platz für die stetig gewachsene Gemeinde bot. Dieser Kirchenneubau in neugotischen Stil der Zeit und nach Entwürfen des königlichen Baurat Stooff aus Charlottenburg für 50.000 Mark gebaut, wurde am 3. Juni 1904 eingeweiht.

Der 20m aufragende Turmsockel am Westende des Schiffes trug einen ebenso hohen Schieferhelm mit Uhren und Seitentürmchen, sodass der Groß Lübener Kirchturm mit 40m Höhe als der "spitzeste" Dorfkirchturm der Prignitz galt. Der Bau wurde von Maurermeister Willi Rößler zu Wittenberge und örtlichen Handwerksbetrieben ausgeführt, und nur das Beste an Material und Ausstattung war gut genug. Die Orgel mit 15 klingenden Stimmen stammt aus der Werkstatt der Orgelbaumeister Gebr. Dinse, seinerzeit der bedeutendsten Orgelbaubetrieb Berlins.

Ein neues Bronzegeläut im Dreiklang es, g, b wurde in der Glockengießerei Gustav Collier aus Berlin-Zehlendorf gefertigt. Die beiden alten Glocken aus der Vorgängerkirche (eine vom Anfang des 18.Jahrhunderts und eine aus dem 15.Jahrhundert mit gotischer Inschrift) wurden in Zahlung gegeben und dann wohl eingeschmolzen, weswegen es mit der damaligen Denkmalbehörde großen Ärger gab. Das Uhrwerk samt der 4-ziffrigen Turmuhr stammten vom Großuhrmacher Georg Richter aus Berlin, aus dessen Werkstatt auch bekannte Großuhren, wie die der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche oder die zweitgrößte Uhr im königlichen Schloss kamen.

Die Ausmalungen in der Kirche sowie die Glasmalereien der drei Chorfenster mit biblischen Motiven stammten aus der Hand des bekannten Kirchenmalers August Oetken (1886-1951) aus Berlin, Hofmaler Kaiser Wilhelms II., der u.a. auch durch seine Arbeiten im Kloster Heiligengrabe oder die Mosaiken in der Elisabeth-Kemenate in der Wartburg bekannt ist. Das mittlere der drei Chorfenster bildeten ein gekreuzigter Jesus, links davon Maria, rechts Johannes. Taufstein, Kanzel, Altar und überhaupt das gesamte Mobiliar wurden neu hergestellt. Lediglich die beiden großen Kronleuchter aus Messing von 1870/71 sind aus der alten Kirche übernommen worden (die barocke Innenausstattung, die Orgel der Vorgängerkirche, das Uhrwerk und wieder verwendbare Baumaterialien aus dem Abbruch derselben, wurde der nicht so wohlhabenden Kirchengemeinde zu Klein Lüben überlassen und im zeitgleichen Neubau deren Kirche verbaut).

Der um die alte Kirche angesiedelte Friedhof wurde bereits am 30.November 1878 geschlossen. Beerdigt wird seitdem auf dem neuen Friedhof im Norden des Dorfes. Die verbliebenen Gräber um den Kirchenneubau wurden aber erst in den 1920ern endgültig beräumt.

Doch lange währte der neue Glanz nicht. Die geschichtlichen Begebenheiten des 20. Jahrhunderts setzten dem Kirchen permanent zu. 1917 schmolz man zwei der drei Bronzeglocken für Kriegszwecke ein. Erst 1928 wurden sie durch 2 Klangstahlglocken (es, b) aus der Gießerei Schilling & Lattermann aus Apolda ersetzt. Die letzte Bronzeglocke fiel dem Buntmetallbedarf des 2. Weltkriegs zum Opfer und wurde nie ersetzt. In den letzten Kriegstagen 1945 erlitt die Kirche von der Elbe her Beschuss, wobei der Turmsockel und das Dach beschädigt und die südliche Flanke des Kirchenschiff aufgerissen wurde, mit einem Loch, durch das ein Fuhrwerk passte. Dabei wurden die wertvollen Apsis-Kirchenfenster völlig zerstört und die Orgel nebst Inneneinrichtung nahm ebenfalls Schaden. Die Taufdecke wurde wenig später von Russen als Pferdedecke verschlissen.

Zum Ende der 1940er Jahre waren die gröbsten Schäden beseitigt und neue, einfache Kirchenfenster eingebaut, sodass die Kirche 1950 wieder in Betrieb genommen werden konnte. Die Gottesdienste fanden in der Zwischenzeit im Betsaal der Dorfschule statt. Die Dachschäden konnten indessen erst wegen krassen Mangels an Material 1953/54 repariert werden. Die vielen, heute noch sichtbaren Wasserschäden im Inneren der Kirche stammen im wesentlichen aus diesen Jahren.

Differenzen zwischen Küster und Dorflehrer (Kirche vs. Kommunismus ) Ende der 50er Anfang der 60er Jahre, bei dem der Lehrer die Kirche immer aufschloss und die Kinder „zum Spielen“ hineinließ, fiel vor allem die Orgel zum Opfer. Sie wurde durch Vandalismus nachhaltig zerstört. Die Kinder liefen mit herausgerissenen Orgelpfeifen im Dorf umher, und die Erwachsenen trauten sich aus Furcht vor kommunistischen Repressalien nicht einzuschreiten. Mangelnde Instandhaltung ließen den Zahn der Zeit insbesondere am Gebälk und der Schiefereindeckung des Turmhelms nagen, der immer mehr wie ein Schweizer Käse aussah. 1984 begonnene Reparaturmaßnahmen wurden durch die DDR Administration behindert, und in der Nacht vom 11. zum 12 Juli 1984 stürzte der 20m hohe Turmhelm bei einem heftigen Sturm herab und beschädigte dabei auch die nördliche Dachhälfte des Kirchenschiffes sehr. Es ist insbesondere dem konsequenten und unermüdlichen Einsatz des damaligen Superintendenten Dr. Woronowicz zu verdanken, dass die Schäden am Dach instand gesetzt wurden und der Turmstumpf ein Notdach erhielt, welches ihn noch heute bedeckt.

In dieser Zeit wurden auch die beiden Kronleuchter von 1870 abgehängt, die bisher alles unbeschadet überdauert hatten, und ins ehemalige Schulgebäude verbracht, welches ebenfalls der Kirchengemeinde gehörte. Dort wurden sie dann auseinander genommen und sollten gereinigt werden. Die Kugel des einen Leuchters wurde aber kurzerhand als Turmkugel umfunktioniert, mit einem Kreuz versehen, und ziert noch heute das Notdach. Um die anderen Teile kümmerte sich dann niemand mehr, sie wurden wohl vergessen, und man fand beim Verkauf des Schulgebäudes am Ende der 1990er Jahre im Kohlenkeller noch Einzelteile der beiden Leuchter. Aus den verbliebenen, nicht gestohlenen Überresten ließ sich wenigstens ein Leuchter nicht ganz vollständig rekonstruieren, der seit Weihnachten 2003 wieder in der Kirche aufgehängt ist und an die alte Pracht erinnert.

In den 1990er Jahren verkaufte die Kirchengemeinde das alte Schulhaus, um Instandsetzungsmaßnahmen an der Kirche finanzieren zu können. So wurde das Dach des Kirchenschiffes saniert und Regenrinnen installiert. Der Turmsockel wurde trocken gelegt und eine Schwammsanierung durchgeführt, wobei die hölzernen Zwischenböden nebst Balkenlage größtenteils erneuert werden mussten. Unter der Empore wurde eine beheizbare Winterkirche eingebaut.

Leider reichten die Mittel nicht aus, die Sanierung des Kirchturms abzuschließen. Der Glockenboden wartet noch auf seine Instandsetzung und das immer baufälliger und undichter werdende Notdach auf dem Turmstumpf bedarf einer Erneuerung in den nächsten Jahren, damit der Turmsockel nicht weitere und erneute Schäden erleidet. Mit der Wiederherstellung des einst 40m hohen Kirchturms würde Groß Lüben auch seinen hervorragenden Aussichtspunkt über die Karthaneniederung und die umliegende Elbaulandschaft wiedererlangen.

Im September 2003 wurde daher der „Förderverein Kirche Groß Lüben e.V.“ mit dem Ziel gegründet, vordergründig der begonnenen Turmsanierung weiterzuhelfen und Mittel für einen neuen Turmhelm zu beschaffen. Wesentlicher Bestandteil des Konzepts zum dauerhaften Erhalt der Kirche ist es, diese wieder als geistig-kulturellen Mittelpunkt des Ortes zu etablieren, wobei der Förderverein sich als Kümmerer um ein regelmäßiges weltlich-kulturelles Angebot versteht, dessen Erlös der Turminstandsetzung zugute kommt.

2009 wurde durch die Kirchengemeinde eine aus Spenden finanzierte Ahlborn-Orgel erworben, sodass nach einem halben Jahrhundert nun wieder Orgelklang die Kirche erfüllt.

Im Sommerhalbjahr bietet die Kirche mit einem Platzangebot von rund 230 Sitzplätzen und einer hervorragenden Akustik einen idealen Austragungsort für Konzerte und Ausstellungen. Und im Winterhalbjahr finden monatlich Lesungen und Vorträge in der beheizten Winterkirche mit ihren 35 Plätzen statt.

Sehenswertes Ausstellungsstück ist die Archivtruhe der Kirchengemeinde aus dem späten 15.Jahrhundert mit ihren im Deckel eingeklebten Holzschnitten aus einem Straßburger Druck mit niederdeutschen Texten von 1502, Der heiligen Leben nüw mit vil me Heiligen, und dar zu d' Passion und die grossen fest : dz lesen, mit figuren zierlich und nutzlich den menschen / durch Sebastianus Brant, Straßburg bei J. Grüninger. „Alle Szenen im Truhendeckel scheinen heilige Nothelfer darzustellen, Spezialpatrone für bestimmte Bereiche des menschlichen Lebens. Wer auch immer die Holzschnitte aus dem Legendenbuch ausgeschnitten und hier aufgeklebt hat, tat dies wohl in der Absicht, sich und evtl. auch den Inhalt der Truhe unter ihren Schutz zu stellen. Dass ähnliche Bildfragmente aus Norddeutschland bisher so gut wie nicht bekannt sind, dürfte vor allem am bisherigen Desinteresse an solchen ‚Relikten’ liegen“. [Dr.H.Kühne]

Einen Besuch der Kirche rundet eine vom Förderverein in den Seitenschiffen auf Tafeln installierte Ausstellung zur Groß Lübener Dorf- und Kirchengeschichte ab, welche Einblicke in die Entwicklung und das Leben eines typischen Prignitzdorfes am Rande der Elbtalaue gibt.

[ Für Liebhaber der Architektur: Die Kirche ist ein kreuzförmiger, 1-schiffig, 3-jochig überwölbter Ziegelbau der abgeklärten Neugotik der Jahrhundertwende (1900) mit querschiffartigen Flügelan­bauten und 5-seitiger Apsis (Polygonalapsis) zwischen Nebenkapellen. Der Schie­fer gedeckte Außenbau ist durch Strebepfeiler und Spitzbogenfenster gegliedert. Der Innenraum ist über spitzbogigen Gurtbögen kreuzrippengewölbt. Die Strebepfeiler des Schiffes sind auch nach innen gezogen, sodass kleine Seitenräume entstehen, die durch spitzbogige Durchgänge miteinander verbunden werden. ]

 

Unser Spendenkonto:    Sparkasse Prignitz    BLZ 160 501 01     Konto 1330003094

Rundgang

Zu einem Rundgang durch die Kirche klicken Sie bitte auf das Bild (öffnet eine PDF-Datei)

 

Die Kirche in Bild und Ton

Hier finden Sie Material in Bild, Ton und Film zur Groß Lübener Kirche